Von Nationalstolz und so

Morgen ist es ja nun endlich so weit. Und egal, wie es ausgeht, es ist natürlich für alle Fußballbegeisterten etwas Tolles. Deutschland im Finale. Und alle sind sooo stolz.

Wirklich alle?

Ich wurde kürzlich gefragt, ob ich denn nicht stolz bin, wenn die Deutschen ein Spiel gewinnen oder sogar Weltmeister oder zumindest Vizeweltmeister werden. Ob ich nicht dann auch stolz bin, Deutsche zu sein. Und meine Antwort darauf lautete NEIN.

Stolz auf diese Leistung können doch wohl nur die sein, die sie erbracht haben, nämlich die Spieler. Dazu noch die weiteren Beteiligten, von der Familie angefangen bis hin zu Trainern, Betreuern und Co.

Für mich zeigt es sich so. Ich als Person bin immer dann stolz, wenn mir etwas gelungen ist. Wenn ich ein Ziel erreicht habe, oft mit harter Arbeit. Nein – auf Talent kann man nicht stolz sein, das hat man nicht erworben, eher ererbt.

Ich kann auch stolz sein, wenn zum Beispiel nahestehende Personen etwas erreichen und ich etwas dazu beitragen konnte. Der Partner, der sich endlich traut, den Job zu wechseln, und den ich bestärkt habe oder ein Freund, der sich selbstständig gemacht hat und den ich bei der Einrichtung beraten konnte. Der Mensch, der einen Traum verwirklicht hat und dem ich den Rücken freihalten konnte oder das Kind, das man immer ermutigt hat und das nun seinen Weg geht oder auch im Sport Erfolge hat. Der Freund, dem man zugeredet hat, ein Talent umzusetzen und der nun erste Erfolge feiern kann. Immer wenn ich es selbst gemacht habe oder beteiligt bin … dann bin ich stolz.

Aber stolz auf Fußballspieler, Nationalstolz?

Stolz auf ein Land, in dem Frauen immer noch weniger verdienen als Männer? In dem Behörden wegsehen, wenn Kinder vernachlässigt werden, aber teure Philharmonien (Bahnhöfe oder Flughäfen) gebaut werden und nicht fertig werden? Ein Land, in dem viele Vollzeitbeschäftigte gezwungen sind, zusätzliche Unterstützung zu beantragen, weil es zum Leben einfach nicht reicht? Daran wird auch ein Mindestlohn nur wenig ändern, denn in einem Land, in dem Vollzeitjobs die Ausnahme geworden sind, kann man kaum menschenwürdig überleben.

Oder stolz auf das Land, in dem Rentner in Abfallbehältern nach Pfandflaschen suchen, um ihre karge Rente aufzubessern? In dem Anderssein verachtet wird? In dem Homosexuelle zwar heiraten, aber kein Blut oder Stammzellen spenden dürfen? Das Land, das von Nichtverheirateten zwar das Einstehen füreinander verlangt in Notfällen, aber andersherum die beiden immer noch hoch besteuert. Ein Land, in dem Viele nur Pflichten, aber keine Rechte haben?

Darauf soll ich nun stolz sein?

Bin ich nicht.

Meine Nationalität (leider nicht im Ausweis):

MENSCH

P. S.

Bitte nicht falsch verstehen, ich gönne jedem seinen Spaß und den Fußballfans ein tolles Spiel. Aber bitte … stolz sein auf die Leistungen anderer … ich kann das nicht.

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Von Schland und „Public Viewing“

Nun ist es also endlich wieder so weit … alle treffen sich … Schland gucken … im Biergarten oder beim Grillen … oder beim „Public Viewing“.

Natürlich – zumindest, wenn nebenbei gegrillt wird – stilecht mit einigen Kästen Bier bewaffnet. In den Biergärten haben die Bedienungen alle Hände voll zu tun. Fast muss man ja schon dankbar sein, dass es nicht allzu warm ist, bleibt uns so doch der Anblick von schwitzenden Männern in Feinrippunterhemden, dafür aber mit schwarz-rot-goldenen Hüten zum Schutz vor Sonne erspart.

Und warum jubelt ein ganzes Land, wenn zweiundzwanzig völlig überbezahlte Menschen auf einen schwarz-weißen Ball eintreten? Die machen nur ihren Job, dafür kassieren sie Millionen. Wie wäre es denn mit einer WM für Fluglotsen, Ärzte oder Polizisten? Und natürlich auch mit flaggengeschmückten Autokorsos, wenn eine OP gut verlaufen ist. Oder sehe ich das etwa zu verbissen?

Aber das Schlimmste ist in meinen Augen ein „Public Viewing“ – ob eigentlich irgendjemand weiß, was das wirklich ist?

Wessen Aufbahrung ist das denn? Wer ist gestorben?

Ich denke – die Moral. Anders ist das alles nicht zu erklären, was dort im Vorfeld stattgefunden hat … Stichwort Säuberungen … und es ist noch nicht vorbei.