Quo vadis, Gesellschaft?

Manchmal stellt sich mir die Frage, in was für einer Gesellschaft wir leben.

Eine, in der die Menschen unterschieden werden. Nach dümmlichen Kriterien. Als da zum Beispiel wären: Ossi oder Wessi, arm oder reich, Gutverdiener oder arbeitslos, kinderreich oder kinderlos, Ausländer oder Deutscher.
Die Liste erhebt mitnichten einen Anspruch auf Vollständigkeit.

Deswegen greife ich hier als Bezug zum Thema auch einfach mal etwas heraus. Die Kinderfeindlichkeit in diesem Lande.
Kinder, das sind diese kleinen Menschen, die immer Krach machen. Zumindest in den Augen einiger verbohrter Menschen. Ich gebe zu, auch schon mal einen Stoßseufzer zum Himmel geschickt zu haben, wenn es wieder mal gar zu laut war mit dem Kinderlärm. Und wer von sich behauptet, dass es ihm nicht auch mal schon so gegangen ist, der darf den ersten Stein werfen, ich bleibe stehen.
Doch wollen wir eine Welt ohne Kinder? Ohne dieses pulsierende, quirlige Leben? Ohne diese niemals stillstehenden Plappermäuler? Was gibt es Schöneres, als weiche Arme, die sich um den Hals legen, ein feuchtes Küsschen auf den Mund schmatzend? Habt ihr schon mal im Supermarkt hinter einer gestressten, jungen Mutter gestanden, deren ca. neun Monate altes Baby im Einkaufswagen sitzt, euch ansieht, und euch dann plötzlich mit einem wunderbaren, zahnlosen Lächeln anstrahlt? Ist die Welt nicht plötzlich ein bisschen schöner?

Und dieses Glück wird Manchem zum Verhängnis. „Mehr als ein Kind, das geht nun wirklich nicht.“ „Haben die denn kein anderes Hobby?“ „ Wohl die Pille vergessen?“ „Wie wollen die denn jemals auf einen grünen Zweig kommen?“ Sind alles Kommentare, die ich selbst schon vernommen habe, wenn das Thema Kinder irgendwo auf dem Plan stand. Dumme Sprüche, Vorurteile, Ignoranz. Selbstverständlich hat jeder private Vermieter das Recht, selbst zu entscheiden, an wen er seine Wohnung vermieten will, es ist sein Eigentum. Aber gilt das auch für unseren Staat? Müsste der nicht dafür Sorge tragen, dass auch Familien mit mehr als einem Kind bezahlbaren, angemessenen Wohnraum finden? Die Gesellschaft braucht Kinder, wir sterben sonst aus.
Wobei sich mir die Frage stellt, ob es wirklich ein Verlust wäre. Doch was tut die Gesellschaft? Das Land, der Staat, wir alle? Ist es nicht traurig, dass in diesem Land per Verordnung einem Hund mehr m² an „Wohnraum“ zugebilligt werden als einem Kind? Dass es Hundelaufwiesen gibt , aber zu wenig Spielplätze? Dass Kinder hungern? Dass sich Eltern an „Tafeln“ mit Lebensmitteln eindecken müssen, weil das Geld vielleicht für Medikamente gebraucht wurde.

Und nebenan findet der jährliche Wettbewerb im „Vielfressen“ statt.

So krank ist unsere Gesellschaft. Sind wir nicht alle die Gesellschaft? Ich schäme mich manchmal dafür, ein  Teil davon zu sein. Man steht hilflos da, versucht zu helfen, und muss doch feststellen, dass man allein die Welt nicht retten kann. Aber wir können sie etwas freundlicher gestalten. Wir alle zusammen, wir müssen es nur wollen, und hinsehen. Helfen, wo Hilfe gebraucht wird, zuhören, wo jemand reden will, kämpfen, wenn Unrecht geschieht. Fangen wir doch einfach an.

Und jetzt geh ich Steine holen, damit ihr werfen könnt. Ich nehm gleich diese hier, die man manchen Menschen immer wieder in den Weg legt.

Gedenken und Gedanken dazu….

Es ist einfach kaum zu fassen.

Die East Side Gallery wird tatsächlich weiter abgerissen.

Zwar werden wahrscheinlich „nur“ weitere sechs Meter betroffen sein, insgesamt sind es dann elf Meter, die entfernt worden sind.

Ursprünglich sollten es weitere zweiundzwanzig Meter sein, an einer anderen Stelle.

Einem Radiobericht zufolge ist angeblich angedacht, die Teile später wieder einzufügen.

Doch selbst wenn das wirklich gemacht wird, was immer bleibt ist eine Narbe. Wie eine Operationsnarbe. Eine Narbe auf einem Mahnmal.

Ein Mahnmal an eine Zeit, die bei Vielen auch viele Narben hinterlassen  hat. Nur sind diese Narben aus Unwissenheit und Verblendung entstanden, aus Überzeugung von einer Ideologie und aus Gedankenlosigkeit.

Die Narben, die jetzt bleiben werden, sind schlicht dem Profit geschuldet.
Und das finde ich bedenklich.

In einem Land, in dem es möglich ist, dass große Bauvorhaben dadurch gestoppt werden können, weil dort eine seltene einarmige Ameisengattung lebt.

Ein Stopp um des Gedenkens willen, aus Achtung vor den Toten, die diese Mauer zu überwinden versuchten, scheint in diesem Land nicht vorgesehen.

Armes Land!!!